Fallstudie · mittel · 25 Min. · keins nötig (zum Lesen)

Fallstudie: Ein KI-Telefonassistent für einen Betrieb

Aus einem echten Projekt: Wie ein KI-Telefonassistent gebaut ist, der abends und am Wochenende Anrufe annimmt und sortiert – mit allen Bausteinen, gemessenen Kosten von etwa 7 Cent pro Minute und den Pannen, aus denen wir am meisten gelernt haben.

Stand 24. Oktober 2026 · Wir prüfen die Inhalte regelmäßig gegen die aktuellen Programme. Was ist neu?

Diese Fallstudie beruht auf einem echten Projekt von AWA Solutions: einem KI-Telefonassistenten, der seit Oktober 2026 bei einem Betrieb in Berlin Anrufe annimmt. Damit der Kunde nicht erkennbar ist, haben wir Betrieb, Namen und Gesprächsbeispiele erfunden. Technik, Kosten, Pannen und Lehren sind echt – so, wie wir sie erlebt und gemessen haben.

Du kannst hier nichts herunterladen und nachbauen; ein Telefonassistent braucht Telefonie, Spracherkennung, Stimme und einen Server, der rund um die Uhr läuft. Aber du erfährst ehrlich, was dahintersteckt, was es kostet und wo es hakt – und kannst danach entscheiden, ob so etwas für dich infrage kommt.

Der Betrieb (erfunden): Haustechnik Muster

Ein Sanitär- und Heizungsbetrieb mit acht Leuten. Tagsüber sind alle auf Baustellen, das Büro ist bis 14 Uhr besetzt. Die Anrufe kommen aber oft abends und am Wochenende: tropfender Wasserhahn, Heizung aus, Frage nach einem Angebot. Bisher lief um diese Zeit der Anrufbeantworter, und die meisten Leute legen dort einfach auf.

Die wichtigste Erkenntnis kam ganz am Anfang: Hier tritt nicht KI gegen Mitarbeiter an, sondern KI gegen niemand. Jeder angenommene Anruf ist ein Gewinn.

Was die Assistentin „Mia“ tut

  • Begrüßt mit dem Firmennamen und sagt gleich, dass hier eine KI spricht und mitschreibt.
  • Sortiert das Anliegen: Notfall, Termin, Angebot, Rechnung oder Sonstiges. Für jeden Fall stellt sie feste Fragen, zum Beispiel: Was ist kaputt? Seit wann? Wo? Wann erreichbar?
  • Beantwortet einfache Fragen sofort, etwa Öffnungszeiten, Einzugsgebiet oder ob es einen Notdienst gibt – aus dem Wissen des Betriebs.
  • Nimmt die Rückrufnummer – meist automatisch, weil der Telefonanbieter die Nummer des Anrufers mitschickt. Nur bei unterdrückter Nummer fragt sie nach.
  • Schickt nach jedem Anruf eine Mail mit Zusammenfassung an das Team. Darin stecken zwei Knöpfe: „Ich kümmere mich“ und „Erledigt“.
  • Verspricht nichts: keine Termine, keine Preise, keine Diagnosen. Sie nimmt auf, und ein Mensch meldet sich.

So ist sie gebaut

Der Weg eines Anrufs: Telefon → Telefonleitung → Sprachdienst (Ohr, Satzende, Stimme) → Plattform mit dem Wissen des Betriebs → Sprachmodell → zurück. Damit sich das wie ein Gespräch anfühlt, muss die erste Antwort nach etwa einer Sekunde da sein.

Baustein Im Projekt Warum – und was wir vorher probiert haben
Telefonnummer Twilio, Berliner Rufnummer, dazu eine Umleitung beim Telefonanbieter des Betriebs Für eine deutsche Nummer verlangt Twilio Nachweise über Person und Adresse. Die Freigabe dauerte ein bis zwei Wochen – also gleich am ersten Tag beantragen.
Ohr ElevenLabs Scribe Realtime, fest auf Deutsch, mit Liste der Fachbegriffe Das erste Modell (Deepgram, deutsch) hat englische Namen einfach verschluckt – in einer Großstadt fatal. Automatische Spracherkennung hat auf Stille Wörter erfunden. Mit fester Sprache läuft es sauber. Ein Sprachwechsel geht nur auf ausdrücklichen Wunsch des Anrufers.
Satzende ein kleines Erkennungsmodell (Smart Turn, Teil von Pipecat) plus kurze Pause Eine starre Pause hat Menschen, die langsamer oder nicht in ihrer Muttersprache sprechen, mitten im Satz unterbrochen. Lange Pausen wirkten dagegen träge.
Hirn GPT-4.1 über Microsoft Azure (Rechenzentrum Schweden), das ganze Wissen des Betriebs im Auftrag, mit Zwischenspeicher Claude Sonnet hielt die Regeln am besten, brauchte aber 1,3 bis 4 Sekunden bis zum ersten Wort – am Telefon zu lang. Kleinere, schnelle Modelle haben Regeln gebrochen (geduzt, Nummern vorgelesen, auf ein „Ja“ geschwiegen). GPT-4.1 antwortet in 0,5 bis 0,9 Sekunden und hält die Regeln. Über Azure, weil neue Direktkonten bei OpenAI stark gedrosselt sind.
Stimme ElevenLabs Flash v2.5, eine deutsche Stimme aus der Bibliothek Die günstige Microsoft-Stimme klang „nach Anrufbeantworter“.
Sprachdienst Pipecat (Open Source) auf einem Server bei Fly.io in Frankfurt verbindet Telefon, Ohr, Satzende, Modell und Stimme in Echtzeit
Plattform eigene Web-App (Next.js) bei Vercel, Datenbank Supabase, beides Frankfurt Wissen, Regeln und Gesprächsleitfaden je Betrieb, Anfragen, Mails, Portal
Nachbetrachtung Claude Sonnet, einmal nach jedem Anruf Hier zählt Gründlichkeit, nicht Tempo: Zusammenfassung, Übersetzung, fehlende Angaben nachtragen.
Riegel höchstens 5 Anrufe pro Nummer und Tag, 20 anonyme pro Tag, 10 Minuten pro Anruf, Auflegen nach Stille, Ausgabenalarme, nur deutsche Nummern gegen Spaßanrufer und Kostenfallen; vertraute Nummern (Inhaber, Technik) ohne Limit, sonst sperrt man sich beim Testen selbst aus
Überwachung alle 30 Minuten automatische Prüfung aller Bausteine, Alarm auf zwei Wegen siehe Panne Nr. 1

Gebaut wurde das Ganze mit Claude Code – in einem Projekt mit klaren Regeln für Claude (CLAUDE.md), Plänen vor jedem größeren Schritt und Tests. Für den Kunden wurde aber das Modell gewählt, das am Telefon am besten passt – und das war nicht Claude.

Was schiefging – und was wir daraus gelernt haben

  1. Eine Woche stumm, und keiner hat es gemerkt. Die Fehlermails landeten in einem Postfach, das niemand las, und kamen irgendwann gar nicht mehr an. Lehre: automatische Prüfung alle 30 Minuten, Alarm über zwei Wege, ein echter Test-Anruf durch die ganze Kette nach jeder Änderung.
  2. Ein Update hat einen laufenden Testanruf abgewürgt. Lehre: Vor jedem Update prüfen, ob gerade jemand telefoniert. Neue Versionen starten erst, wenn die alten Gespräche zu Ende sind.
  3. Unsere eigene Testserie hat das Modell ausgebremst – ein echter Anrufer hörte „technische Schwierigkeiten“. Das Kontingent beim Modell-Anbieter war zu knapp, und die Tests liefen gegen dasselbe Kontingent. Lehre: großzügiges Kontingent (inzwischen 300.000 Tokens pro Minute) und Tests gegen den Live-Betrieb nur mit Pausen.
  4. Englische Namen verschwanden spurlos (der englische Name eines Restaurants kam als leerer Text an). Lehre: Spracherkennung mit fester Sprache und Fachbegriff-Liste; wenn der Anrufer hörbar spricht, aber kein Text kommt, bittet Mia ums Wiederholen oder Buchstabieren.
  5. Anrufer legten auf, bevor die Anfrage gespeichert war. Lehre: Nach jedem Anruf wertet eine Nachbetrachtung das ganze Gespräch noch einmal aus. Erst dann geht die Mail raus.
  6. Rückrufnummer fehlte bei fast der Hälfte der Anfragen. Die erste Umleitung lief über den Router im Laden, und dabei ging die Nummer des Anrufers verloren. Lehre: Umleitung direkt im Netz des Telefonanbieters, mit Rufnummernübermittlung. Nachgefragt wird nur noch bei unterdrückter Nummer.
  7. „Klingt wie eine Mailbox.“ Begrüßungen wie „Wir sind gerade nicht erreichbar“ und eine künstliche Stimme ließen Leute auflegen. Lehre: echte Stimme und eine Begrüßung, die zum Reden einlädt.
  8. Wochenlang am Falschen gedreht. Erst als wir die Zeit jedes Schritts gemessen haben, war klar: Die eigene Technik braucht 0,2 bis 0,3 Sekunden, den Rest das Modell. Lehre: messen statt fühlen – und echte Gespräche lesen statt raten. Jede Beschwerde stand wörtlich in den Gesprächen, oft mit einer anderen Ursache als gedacht.

Schritt für Schritt

Prüf, ob es sich für dich lohnt. Ein Telefonassistent lohnt sich vor allem, wenn viele Anrufe unbeantwortet bleiben (abends, am Wochenende, während der Arbeit) und die Anliegen sich wiederholen. Zähl eine Woche lang verpasste Anrufe – dein Telefonanbieter oder deine FRITZ!Box zeigt sie an.

Leg fest, was er darf. Nur annehmen und sortieren? Fragen beantworten? Durchstellen? Je weniger er darf, desto zuverlässiger ist er. Mia nimmt nur auf und beantwortet Standardfragen.

Schreib das Wissen auf, so wie im Bauplan „Website-Chatbot“: Leistungen, Zeiten, Einzugsgebiet, was ihr nicht macht, Notfallregeln.

Wähle deinen Weg.

Weg Für wen Aufwand
Fertiger Telefon-KI-Dienst (Monatsabo) wer schnell starten will gering; prüfen: Rechenzentrum in der EU, Auftragsverarbeitungsvertrag, Kosten pro Minute, Kennzeichnung als KI
Eine Agentur baut ihn für dich (zum Beispiel AWA) wer es passend für den eigenen Betrieb will mittel; ein paar Wochen Abstimmung
Selbst bauen mit Claude Code wer Vertiefung „Web-App“ und „Konnektoren“ gemacht hat und Spaß an Technik hat hoch; mehrere Konten und ein Server

Plan die Pflichten ein: KI-Hinweis in der Begrüßung, Hinweis aufs Mitschreiben, Datenschutzerklärung, Auftragsverarbeitungsverträge mit allen Diensten (siehe unten).

Teste mit echten Anrufen, bevor die Umleitung scharf geschaltet wird. Erst „bei Nichtannahme“ umleiten, nach einer Woche ohne Probleme auch abends sofort.

Sag Claude:Ich habe einen [Branche]-Betrieb mit [Zahl] verpassten Anrufen pro Woche, meist [wann]. Hilf mir zu entscheiden, ob sich ein KI-Telefonassistent lohnt und welche Fragen er stellen sollte. Rechne mit etwa 7 Cent pro Gesprächsminute.
Hängst du irgendwo fest? Frag deinen Claude – so oft du willst, auch zu jedem einzelnen Schritt.
Sag Claude:Ich richte gerade den Baustein „Fallstudie: Ein KI-Telefonassistent für einen Betrieb“ aus dem AWA Campus ein und hänge bei diesem Schritt: … Erklär ihn mir bitte einfacher, Schritt für Schritt. Ich bin Anfänger.

Vorlage

Ich überlege, einen KI-Telefonassistenten für meinen Betrieb zu nutzen. Stell mir nacheinander die Fragen, die ich vorher klären muss: Anliegen, Wissen, Regeln, Datenschutz, Kosten.
Hier ist das Angebot eines Telefon-KI-Anbieters: [hineinkopieren]. Prüf es mit mir: Wo stehen die Server? Gibt es einen Auftragsverarbeitungsvertrag? Was kostet eine Minute wirklich? Wie wird die KI gekennzeichnet?
Schreib mir eine Begrüßung für einen KI-Telefonassistenten von [Betrieb]: kurz, freundlich, mit dem Hinweis, dass eine KI spricht und mitschreibt. Nicht „wir sind gerade nicht erreichbar“ – das klingt nach Anrufbeantworter.
Geschafft, wenn …
  • du weißt, aus welchen Bausteinen ein KI-Telefonassistent besteht,
  • du die Kosten pro Minute und die festen Kosten für deinen Betrieb grob überschlagen kannst,
  • du die typischen Pannen kennst und weißt, wie man sie vermeidet,
  • du entschieden hast, ob und auf welchem Weg du so etwas willst.
Wörter erklärt
  • Spracherkennung („Ohr“): macht aus gesprochener Sprache Text, während der Anrufer noch spricht.
  • Sprachausgabe („Stimme“): macht aus dem Antworttext gesprochene Sprache.
  • Satzende-Erkennung: entscheidet, ob der Anrufer fertig ist oder nur kurz nachdenkt. Wichtiger, als man denkt.
  • Umleitung beim Telefonanbieter: Anrufe auf deine normale Nummer gehen zum Assistenten – sofort, bei Nichtannahme oder nur zu bestimmten Zeiten.
  • Kontingent: wie viele Anfragen ein Dienst pro Minute annimmt. Ist es ausgeschöpft, verstummt der Assistent.
  • Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV): der Vertrag, den du mit jedem Dienst brauchst, der für dich personenbezogene Daten verarbeitet.